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Bright Eyes sollen ein traditionelles Country-Album gemacht haben? Nein, Conor Oberst wird doch nicht, oder? "Cassadaga" hätte zum Bruch führen können. Keine Sorge, tut es nicht.

Country-Musik ist mir ein Gräuel. Zumindestens jene altbackene Ein-Mann-Mit-Gitarre-Jammermucke, als die es im Großen und Ganzen bekannt ist. Dabei gilt die - streng definiert: - amerikanische Folkmusik in ihrer Heimat doch als Institution, hat eigene Charts und verkauft genrevergleichend mehr als alle anderen. Um dem Ganzen doch ein wenig Leben einzuhauchen, entschlossen sich in den Neunzigern unzählige US-Formationen dazu unter dem Deckmantel "Alt. Country" zu musizieren. Was manch einer dermaßen gut gelang, dass es sogar hierzulande registriert wurde. Wenige dieser Bands wagten jedoch den nächsten Schritt. Weg vom eindeutig Zuordenbaren, hin zum im Idealfall hochinteressanten Pop. Wenn doch, dann war das Unterfangen eher kurz- als langläufig. Beispiel Wilco, die sich einst für zweieinhalb Alben vom Festgefahrenen lösten, unter Einfluss neuer Mitmusiker experimentierten und somit - wenigstens bei "Yankee Hotel Foxtrot" - zur "besten" Band auf diesem Planeten avancierten. Um danach doch wieder die Kehrtwende einzuschlagen. Siehe das aktuelle "Sky Blue Sky". Durchschnittliches, weil allzu herkömmliches Album.

Conor OberstBright Eyes werden ebenfalls den Country-Erneuerern zugeordnet. Wenn auch nur im weiteren Sinne. Weil Conor Oberst auf seinen bisherigen fünf Longplayern das Genre doch schlimmstenfalls streifte als es tatsächlich auf gesamter Albumlänge durchzupraktizieren. Anderenfalls wäre es mir auch kaum möglich gewesen, die Musik dieses Herrn in den letzten Jahren so sehr schätzen zu lernen. Wobei ich einer von den Wenigen bin, die bei den 2005er-Zwillingen das elektronisch angehauchte "Digital Ash In A Digital Urn" gegenüber dem weitaus höher gelobten, Folk-lastigen "I'm Wide Awake, It's Morning" bevorzugen. Umso größer meine Sorge, als mir Anfang dieses Jahres zu Ohren kam, dass Bright Eyes ein astreines Country-Album veröffentlichen. Eines, dass sich doch tatsächlich den Ursprüngen des klassisches Americana widmen würde. Angst. Panik. Verzweiflung. Das kann mir Conor Oberst unmöglich antun. Oder doch? Letztendlich Entwarnung, weil er es nicht getan hat. Zumindestens weitestgehend.

"Cassadaga" ist voll mit eindeutigen Merkmalen, die beunruhigen könnten, es anfangs auch getan haben. So war der erste Hördurchgang durchaus von Langeweile und Enttäuschung gekennzeichnet. Wobei man es natürlich nicht belassen konnte. Ein neues Bright Eyes-Album verdient mehr Aufmerksamkeit. Und diese hat "Cassadaga" auch bekommen. Allein deshalb, weil Conor Oberst vollkommen zurecht als einer der talentiertesten Songwriter seiner Generation gehandelt wird. Und an diesem Thron wollte man nicht jetzt schon rütteln. Es konnte doch unmöglich sein, dass sich einem diese unüberhörbaren Songperlen, die beim ersten Mal bestenfalls durchschimmerten, nicht bereits in Bälde erschließen und zu wahrer Begeisterung hinreißen würden. Egal wie zweifelhaft einiges an Vorliegendem auch interpretiert sein mag. Egal wie sehr das spirituelle Gejaule gegen Ende von "Coat Check Dream Song" auch nerven mag. Irgendwann mussten sich diese vielfältigen und eindringlichen Kompositionen einfach durchsetzen. Die Meisten früher als später. Was - zur Erleichterung meinerseits - "Cassadaga" doch noch, wenn schon nicht zum weltbewegendsten, dann zumindestens zu einem weiteren sehr guten Bright Eyes-Album macht.

Bright Eyes: CassadagaBright Eyes
Cassadaga
09.04.2007


[thisisbrighteyes.com] [saddle-creek.com/bands/brighteyes]
[myspace.com/brighteyes]

[Review: I'm Wide Awake, It's Morning / Digital Ash In A Digital Urn]

[Bright Eyes @ Arena, Wien - 04.03.2005]
[Bright Eyes @ Arena (Open Air), Wien - 23.06.2005]