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Die PR-Maschinerie läuft auf Hochtouren. Nine Inch Nails sind allgegenwärtig. Dazu mehren sich die Wortmeldungen von Trent Reznor...

NIN <with teeth> halo_nineteenwww.nin.com
www.nin.com  Trent Reznor
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Waiting For Halo_Nineteen. Part_Nine.
The Fragile [1]


Es waren fünfeinhalb Jahre vergangen, seit Trent Reznor das letzte Mal die Musikwelt schockierte. "The Downward Spiral" war ein bitterböses Opus. Wer sich diesem Album beim ersten Mal ohne Vorwarnung hingab, konnte am nächsten Tag schon mal dabei beobachtet werden, wie er bei einem freundlichen Schulterklopfen eines Mitmenschen verstört zusammenzuckte. Mit "The Downward Spiral" vermischte Reznor Punk mit Goth und untermalte das Ganze mit tanzbaren Maschinenbeats. Der Platz am Thron des Industrial-Genres war NIN gewiss. Dabei hatte er im Jahr 1994 durchaus leichtes Spiel. Musikbegeisterte lechzten nach depressivem Soundgut. Die amerikanische Alternative-Szene war eine andere. Und Reznor verkörperte den richtigen Mann zur richtigen Zeit. Was danach geschah, waren Peanuts. Man betrachte nur jene US-Bands, die Ende der Neunziger das Rock-Genre anführten: Korn und Limp Bizkit. Das konnte doch unmöglich alles gewesen sein, mit dem sich die Rockmusik aus diesem Jahrtausend verabschiedete.

"The most insincere form of music now is the false-angst rap-rock crap. To me, nu-metal comes across as being comical, as being a parody of itself."
T.R.

Trent ReznorUnd plötzlich, als es schon niemand mehr für möglich hielt, kehrte Trent Reznor aus seiner selbstgewählten Isolation zurück. Zwei ganze Jahre soll er damit verbracht haben, den Nachfolger von "The Downward Spiral" fertigzustellen. Zwei ganze Jahre hatte er in seinem Studio in New Orleans verbracht und an neuen Soundkreationen herumgebastelt. Zwei ganze Jahre quälte er sich mit Selbstzweifeln herum, ob NIN auch Ende der Neunziger noch von Bedeutung seien. Doch dann war es vollbracht: Zwei CD’s mit 23 Stücken und über 100 Minuten Spielzeit. Den Erfolg hatte Reznor bereits genossen. Was ihn nun interessierte, war einzig und allein die Anerkennung.

The Decade's Most Anticipated Album.

"The Fragile" hat mit dem Klangkosmos von "The Downward Spiral" nur noch ansatzweise zu tun. Eine Steigerung des Industrial-Wahns wäre wohl auch zur Parodie seines Vorgängers geworden. "The Fragile" ist seinem Titel entsprechend wesentlich sensibler. So bekommt man sogar richtige Liebesliedern zu hören. Natürlich tieftraurig, aber wesentlich einfühlsamer, sodass man sich nicht gleich wie von einer Bestie angesprungen fühlt. Es sind die fragilen Momente, die bei diesem Album zählen.

Trent ReznorBemerkenswert, dass "The Fragile" nur ansatzweise auf jene elektronischen Spielarten zurückgreift, die man sich eigentlich erwartet hatte. Fast alles auf diesem Album besteht aus konventionellen Instrumenten. Vor allem Gitarren. Auch wenn man diese nicht als solche erkennt. Die einzelnen Gitarrenlinien sind dermaßen durch Computer entfremdet und mit Overdubs manipuliert worden, dass einzelne Passagen unmöglich bestimmten Instrumenten zuzuordnen sind. Der dargebotene "Wall Of Sound" sollte daher unbedingt auf Kopfhörer zu Gemüte geführt werden. Solch aufreibenden Perfektionismus bekommt man nur selten zu Ohren.

Ist "The Fragile" nun die wichtigste Rock-Platte, die jemals aufgenommen wurde? Wohl kaum. Vor allem unter Berücksichtigung des Jahres, in dem es veröffentlicht wurde. "The Wall" war wichtig. Ebenso "Nevermind". Doch wären diese beiden Album 1999 auf die Menschheit losgelassen worden, sie hätten für weitaus weniger Aufsehen gesorgt wie 1979 bzw. 1991. So ist "The Fragile" einzig ein großartiges Hörerlebnis. Und vielleicht jenes experimentelle Album, das all jene bekehren könnte, die keine Ahnung von experimenteller Musik haben.

The Fragile [2]



[nin.com]
makusch - 27. Mrz, 15:01:
Appetit
Die Konzertmitschnitte von Fresno und vor allem Davis machen massiv Hunger.... und nun kommt das neue Zeuch auch besser rüber. Wie üblich: erstmal wieder dran gewöhnen, Abstand nehmen, lieben lernen. Geht doch. 
wasix - 28. Mrz, 08:55:
noch relevant?
kursieren im netz schon die ersten bootlegs? das ging dann aber zackig. die worte ab "wie üblich:..." sprechen mir übrigens aus der seele. sehr gut. 
makusch - 28. Mrz, 11:44:
Bootlegs
...ja, und zwar für Fresno und Davis. Davis hat sogar sehr annehmbaren Sound, und sogar Raritäten wie "the big comedown" im Programm... ehöht die Vorfreude auf den Festivalsommer enorm !! 
wiesengrund - 27. Mrz, 18:18:
Ganz schwierige Frage, vor allem, weil die Vergleiche so spärlich ausfallen. Allerdings habe ich einen gänzlich anderen Blick auf The Fragile und muss gestehen, dass in ihrem Epos, und in ihrer Zurschaustellung pop-spezifischer Naivität, in ihrer Vielschichtigkeit und ihrer Transparenz, ihrem präzisen Pathos und ihrem Kunstmucke-Appeal sie für mich bedeutend größer ist, als alle The Walls und Neverminds der fucking Rock-History. Würde ich sie auf der Ebene überhaupt vergleichen wollen. Tu ich aber nicht.

The Fragile war die Idee, die Reznor nie zuende denken konnte. Es ist sein Scheitern am Scheitern, die Überwindung und Auflösung der Genealogie des Exzesses. The Fragile ist für mich Post-NIN. Und damit die beste (Anti-)Essenz von allem, was Reznor in meinen Augen je geschaffen hat. 
wasix - 28. Mrz, 12:48:
1999-2005
heute sehe ich "the fragile“ gar nicht mehr als dermaßen überirdisch wie noch vor ein paar jahren. im nachhinein betrachtet finde ich sogar, dass herr reznor vor allem in sachen songwriting schon besseres - vor allem aber außergewöhnlicheres - abgeliefert hat. wahrscheinlich war das bei "the fragile“ aber auch gar nicht sein ziel, sondern vielmehr den eingeschlagenen weg des vorgängers nicht bis zum letzten auszuschlachten und stattdessen etwas neues zu probieren, das sich - wenn möglich - auch noch von allen angesagten trends dieser zeit abheben sollte. was ihm auch gelungen ist. etwas vergleichbares ist mir jedenfalls unbekannt.

obwohl man schon zugeben muss, dass "the fragile“ einen gewissen retro-touch versprüht. vor allem hinsichtlich dieses brutalst einwirkenden, einem vom hocker reißenden "wall of sound“. soetwas mögen andere vielleicht auch hinbekommen. allerdings nicht über eine spieldauer von mehr als 100 minuten. das liegt wohl auch daran, dass es sich schlichtweg keiner traut, heutzutage noch ein dermaßen opulentes (doppel-)album auf den markt zu bringen. vor allem unter rücksichtnahme auf das risiko nicht gebührend promotet zu werden.

"the fragile“ war im grunde harakiri mit anlauf. für das gesamtkunstwerk nine inch nails allerdings unerlässlich. schon allein deshalb müsste man dieses mammutwerk eigentlich ohne wenn und aber lieben. und wenn nicht, zumindestens gebührend respektieren. auch wenn der favorit aus dem hause nine inch nails bei den meisten wohl ein anderes album ist. so wie bei mir. aber das ist ein anderes thema...