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Tim KasherThe Good Life präsentierten in Wien ihr "Album Of The Year" und machten einfach alles richtig. Nicht nur ich war begeistert. Schon jetzt ein Konzert-Highlight 2005.

Es ist bereits mehr als zwei Jahre her, da traten The Good Life im Wiener Flex auf. Ebenso wie Azure Ray. Die beiden Bands bestritten damals das Vorprogramm der gerade frisch gehypten Bright Eyes. Beachtet wurden The Good Life an diesem Abend kaum. Zu wichtig und aufregend war der Auftritt von Conor Oberst. Eigentlich kann ich mich nur noch daran erinnern, dass die Band auch beim Konzert von Bright Eyes auf der Bühne stand und dort fleißig mitmusizierte. Noch etwas prägte sich von damals bei mir ein: Der wuchernde Grizzly Adams-Bart von Sänger Tim Kasher.

Der Bart ist inzwischen ab. Bei The Good Life hat sich überhaupt so einiges verändert. 2004 war ein sehr wichtiges Jahr für die Band aus Omaha, Nebraska. Das begann mit der EP "Lovers Need Lawyers" und fand in dem Longplayer "Album Of The Year" eine würdige Fortsetzung. Beides Platten mit äußerst signifikanten Titeln. Beides aber auch Platten mit brillanter Musik und unbestrittene Highlights des an Höhepunkten wahrlich nicht armen Saddle Creek-Labels.

Eben noch bei Viva...

Eigentlich waren The Good Life anfangs nur soetwas wie die Zweitband von Tim Kasher. Denn bekannt geworden ist der Sänger und Songwriter als Frontmann der Indie-Formation Cursive. Da sich in seiner Schublade aber immer mehr Songs ansammelten, die er mit Cursive nicht umsetzen konnte oder wollte, entschied er sich im Jahr 2000 dazu The Good Life ins Leben zu rufen. Vier Jahre später machte "Album Of The Year" aus dem einstigen Neben- jedoch ein Hauptprojekt. Das ging sogar soweit, dass The Good Life unlängst einen Live-Auftritt bei Viva hatten. Genau jenem Musikkanal, der sich mit Jahreswechsel endgültig zum Klingelton-, Charts- und Teenie-Sender mauserte. Schuld an dem Kurzauftritt von The Good Life war Moderatorin Sarah Kuttner, die irgendjemand Kluger auf die Band aufmerksam gemacht haben muss. Und so waren Tim Kasher und Co. bei der "Sarah Kuttner Show" zu Gast und spielten dort live den Titeltrack von "Album Of The Year". Vielleicht gibt es ja doch noch Gerechtigkeit im Musikfernsehen.

Tim KasherDer eigentliche Grund, warum es The Good Life nach Deutschland verschlagen hatte, war allerdings ihre Europa-Tournee. Natürlich nimmt man da den ein oder anderen Promo-Auftritt mit. Doch im Grunde besteht der Tour-Alltag aus Live-Gigs in relativ kleinen Clubs. So wie in Wien. Unter den U-Bahnbögen. Eigentlich hatte ich die Atmosphäre eines Konzertes im B72 schon fast verdrängt. Zu selten verschlägt es mich in diese bescheidenen Räumlichkeiten. Doch ganz so schlimm war es dann doch nicht. Hatte man inmitten des dichten Gedränges erst mal seinen Platz gefunden, dann konnte man auf durchaus entspannte Weise diesem ergreifenden Konzert lauschen.

...und jetzt schon auf der Show-Bühne des B72.

Da bekam man dann eine Band zu Augen und Ohren, die auf wunderbar schrammelige Art ihren Indie-Folk-Pop zum besten gab. Alles andere als perfekt. Aber umwerfend gut. Zu meiner Überraschung weniger akustisch und folkig als eigentlich angenommen. Im Gegenteil: Hier wurde zeitweise sogar richtig abgerockt. Das benötigte zwar meist eine kurze Anlaufzeit, dafür ging es danach aber umso hemmungsloser zur Sache. Immer im Mittelpunkt: Tim Kasher. Seine emotionale Darbietung erweckte bei mir den Eindruck, als nütze er die Live-Konzerte um sich all seinen Frust über Enttäuschungen und das Verlassenwerden von der gebeutelten Seele zu singen. Allerdings ohne dabei in Selbstmitleid zu versinken. Er setzt viel lieber auf eine Mischung aus Zynismus und Melancholie. Nicht zu vergessen den passenden Schuss Dramatik. Besser bekommt es selbst Genre-Liebling Conor Oberst nicht hin. Meine Vorfreude auf das Bright Eyes-Konzert im März ist groß. Die Erwartung inzwischen noch größer.

Im ersten Zugabenblock gab es an diesem Abend auch eine neue Komposition von Tim Kasher zu hören. Laut eigener Aussage hatte er diesen Song bislang erst seiner Band und dem Support-Act The Velvet Teen vorgespielt. Wien erlebte also soetwas wie eine Live-Premiere. Die exklusive Solo-Performance wurde vom Publikum auch dementsprechend mit regem Applaus quittiert. Das führte soweit, dass eine Zugabe auf die nächste folgte. Bis knapp ein Uhr nachts. Schlussendlich kam man auf eine Spieldauer von über 90 Minuten. Und kein Moment davon war überflüssig. Tim Kasher und seine Band hatten an diesem Abend scheinbar besonders viel Spaß. All den Anwesenden konnte das nur recht gewesen sein. Eine Freude war’s.

The Good Life
06.02.2005 - Wien, B72.


[saddle-creek.com/bands/goodlife]

[Review: Album Of The Year]
srocca - 23. Feb, 19:59:
Album of the year
Bei diesem Albumtitel kann man sich eigentlich kein schlechtes Konzert erlauben! 
wasix - 25. Feb, 08:47:
...
die überschrift hat sich einfach angeboten. wenn's schlecht gelaufen wäre, hätte es halt ein fragezeichen als zusatz gegeben...