Greg Dulli & Mark Lanegan: Yesterday's Heroes. Zwei von mir bereits Links-liegengelassene, die es nun als The Gutter Twins versuchen. Und mit "Saturnalia" ein formidables Debut vorlegen.

Der Eine: Greg Dulli, 42-jähriger Musiker aus Hamilton, Ohio. Der Prototyp des smarten Verlierers. Einer, der es weder sich selbst noch seiner Anhängerschaft jemals leicht machte. Zu sehr Masochist, als dass sich der als schwierig verschriene Kreativkopf nicht in seiner selbst inszenierten Welt aus Verzweiflung und Einsamkeit suhlen wollte. Wodurch es Dulli Mitte der Neunziger, in den Nachwehen des Grunge, zum vierjährigen Heldsein in meinem musikalischen Kosmos brachte. Als Sänger, Songwriter und unumstrittener Mastermind der Afghan Whigs. Das begann 1993 mit "Gentlemen" und endete 1996 mit "Black Love". Nummer 4 und 5 der sechs Alben umfassenden Band-Diskografie. Zwei melodramatische Meisterwerke, bei denen der zu dieser Zeit allgegenwärtige Alternative-Rock plötzlich mit Soul und Blues Marke Motown und Stax bereichert wurde, sich die Afghan Whigs bewusst gängiger Klichees verwehrten und folglich auch als eine jener Bands in die Musikgeschichte einmeiselten, die nie so groß wurde, wie sie eigentlich hätte sein müssen.
Der Andere: Mark Lanegan, 43-jähriger Sänger und Poet aus Ellensburg, Washington. Bekannt geworden in den frühen Neunzigern als Frontmann der Screaming Trees. Die Grunge-Band, die eigentlich nie Grunge war, folglich auch neben Nirvana, Soundgarden, Alice In Chains und Pearl Jam ein Schattendasein führte. Dafür war Lanegan zu wenig selbstmordgefährdeter Rock-Prediger. Und der Sound seiner Band zu sehr eine Mixtur aus "arty 60's psychedelia and west-coast punk rock". Umso passender, dass es die Screaming Trees waren, die 1996 mit ihrem letzten und besten Album "Dust" eine ganze Epoche zu Grabe getragen haben. Einerseits zeitloses Rock-Epos. Andererseits Wunderland gewaltiger, aber auch filigraner Soundexperimente. Mit verspielten Gitarrenriffs, zarten Orgeltönen, psychedelischen Sitarklängen. Dazu wundervolle Melodien und Lanegans melancholische Reibeisenstimme. Was in Summe eine zurückhaltende und traurige Grundstimmung vermittelte, dabei aber von uneingeschränkt positiver Lebenseinstellung gekennzeichnet war. Sentimental, hintergründig und von der ersten bis zur 44. Minute schlichtweg umwerfend.
Dullis Twilight Singers hin, Lanegans Zusammenarbeit mit Queens Of The Stone Age oder Isobel Campbell und seine Soulsavers her, in letzter Zeit nahm ich die beiden seit fast 20 Jahren Befreundeten nur noch als Randerscheinung wahr. Und nun das: Die Wiederauferstehung. Dulli und Lanegan mit vereinten Kräften. Als "Gossenzwillinge". Zwei wie Jeff Bridges und John Goodman in "The Big Lebowski". Oder Statler & Waldorf in "The Muppet Show". Offensichtlich makaber, wütend, herablassend. Beim genaueren Hinhören aber auch herzzerreißend tragisch. Dulli und Lanegan sind weit davon entfernt mit Gefühlen zu spielen. Im Gegenteil: Sie genießen es mit Inbrunst die selbstzerstörerische Leidenschaft ihrer Songs zu durchleben. Und genauso präsentiert sich "Saturnalia", das Erstlingswerk von The Gutter Twins. Eine Aneinanderreihung düsteren Liedguts. Zumeist gediegener Rock mit ganz viel Blues und noch mehr Gefühl. Gespenstisch, unheimlich, kongenial. Nichts für notorische Frohnaturen, eher etwas für Liebhaber emotionaler Seelendramen voll quälender Schönheit. "Sounds like a bed of hot thistle." Fühlt sich auch so an.
The Gutter Twins
Saturnalia
10.03.2008
[theguttertwins.com]
[myspace.com/theguttertwins]

Der Eine: Greg Dulli, 42-jähriger Musiker aus Hamilton, Ohio. Der Prototyp des smarten Verlierers. Einer, der es weder sich selbst noch seiner Anhängerschaft jemals leicht machte. Zu sehr Masochist, als dass sich der als schwierig verschriene Kreativkopf nicht in seiner selbst inszenierten Welt aus Verzweiflung und Einsamkeit suhlen wollte. Wodurch es Dulli Mitte der Neunziger, in den Nachwehen des Grunge, zum vierjährigen Heldsein in meinem musikalischen Kosmos brachte. Als Sänger, Songwriter und unumstrittener Mastermind der Afghan Whigs. Das begann 1993 mit "Gentlemen" und endete 1996 mit "Black Love". Nummer 4 und 5 der sechs Alben umfassenden Band-Diskografie. Zwei melodramatische Meisterwerke, bei denen der zu dieser Zeit allgegenwärtige Alternative-Rock plötzlich mit Soul und Blues Marke Motown und Stax bereichert wurde, sich die Afghan Whigs bewusst gängiger Klichees verwehrten und folglich auch als eine jener Bands in die Musikgeschichte einmeiselten, die nie so groß wurde, wie sie eigentlich hätte sein müssen.
Der Andere: Mark Lanegan, 43-jähriger Sänger und Poet aus Ellensburg, Washington. Bekannt geworden in den frühen Neunzigern als Frontmann der Screaming Trees. Die Grunge-Band, die eigentlich nie Grunge war, folglich auch neben Nirvana, Soundgarden, Alice In Chains und Pearl Jam ein Schattendasein führte. Dafür war Lanegan zu wenig selbstmordgefährdeter Rock-Prediger. Und der Sound seiner Band zu sehr eine Mixtur aus "arty 60's psychedelia and west-coast punk rock". Umso passender, dass es die Screaming Trees waren, die 1996 mit ihrem letzten und besten Album "Dust" eine ganze Epoche zu Grabe getragen haben. Einerseits zeitloses Rock-Epos. Andererseits Wunderland gewaltiger, aber auch filigraner Soundexperimente. Mit verspielten Gitarrenriffs, zarten Orgeltönen, psychedelischen Sitarklängen. Dazu wundervolle Melodien und Lanegans melancholische Reibeisenstimme. Was in Summe eine zurückhaltende und traurige Grundstimmung vermittelte, dabei aber von uneingeschränkt positiver Lebenseinstellung gekennzeichnet war. Sentimental, hintergründig und von der ersten bis zur 44. Minute schlichtweg umwerfend.
Dullis Twilight Singers hin, Lanegans Zusammenarbeit mit Queens Of The Stone Age oder Isobel Campbell und seine Soulsavers her, in letzter Zeit nahm ich die beiden seit fast 20 Jahren Befreundeten nur noch als Randerscheinung wahr. Und nun das: Die Wiederauferstehung. Dulli und Lanegan mit vereinten Kräften. Als "Gossenzwillinge". Zwei wie Jeff Bridges und John Goodman in "The Big Lebowski". Oder Statler & Waldorf in "The Muppet Show". Offensichtlich makaber, wütend, herablassend. Beim genaueren Hinhören aber auch herzzerreißend tragisch. Dulli und Lanegan sind weit davon entfernt mit Gefühlen zu spielen. Im Gegenteil: Sie genießen es mit Inbrunst die selbstzerstörerische Leidenschaft ihrer Songs zu durchleben. Und genauso präsentiert sich "Saturnalia", das Erstlingswerk von The Gutter Twins. Eine Aneinanderreihung düsteren Liedguts. Zumeist gediegener Rock mit ganz viel Blues und noch mehr Gefühl. Gespenstisch, unheimlich, kongenial. Nichts für notorische Frohnaturen, eher etwas für Liebhaber emotionaler Seelendramen voll quälender Schönheit. "Sounds like a bed of hot thistle." Fühlt sich auch so an.

Saturnalia
10.03.2008
[theguttertwins.com]
[myspace.com/theguttertwins]
wasix - 8. Mär, 12:28 - [2008 Platten]