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Meine Erste. Ihre Fünfte. Gemeint ist das neue Album von Blackmail. Nicht unbedingt die alternative Revolution. Spannend ist dieses beachtlich kreative Geknüppel jedoch allemal.

Mario Matthias (Drums) - Kurt Ebelhäuser (Gitarre) - Aydo Abay (Vocals) - Carlos Ebelhäuser (Bass)Das Schaffen von Blackmail ist bislang an mir vorbeigerauscht. Vier Platten lang. Da half auch der ein oder andere Indie-Hit nichts. Ebenso wie so manche Lobhudelei in der deutschen Musikpresse. Warum also gerade jetzt - mehr als acht Jahre nach Veröffentlichung ihres ersten Longplayers - der Sinneswandel? Es war mehr oder minder ein Zufall, dass ich auf die E-Card zu "Aerial View" stieß, wodurch man auf der offiziellen Website von Blackmail das komplette Album als Stream probehören kann. Mein erster Eindruck: Interessant. Der zweite: Clever gemacht. Spätestens beim dritten Durchlauf war ich überzeugt. Eine simple, aber durchaus effiziente Werbemethode hatte mich zum Kauf der Platte motiviert. So kann es gehen. Und dabei jammern alle Plattenfirmen doch immer über das böse, böse Internet. Nur soviel: Ohne der E-Card hätte ich mir auch Album Nummer 5 von Blackmail nicht angehört, gäbe es diese Zeilen nicht und in meinem Plattenregal würde direkt neben einer Björk- noch immer eine Phillip Boa-CD stehen.

Blackmail hatten es nicht immer leicht. Dabei sorgte die Koblenzer Band gleich mit ihrem selbstbetitelten Erstlingswerk (1997) für einiges Aufsehen. Das darauffolgende "Science Fiction" (1999) bekam dann auch durchwegs beachtliche Kritiken, wodurch man die nächsten beiden Platten auf einem Major-Label veröffentlichte. Doch das allerorts gelobte "Bliss, Please" (2001) und dessen Nachfolger "Friend Or Foe?" (2003) verkauften sich einfach nicht so, wie man das bei den Verantwortlichen von Warner Records gerne gehabt hätte. Das alte Leid: Eine deutsche Gitarrenrock-Band scheitert am internationalen Markt. Die Ausnahme heißt Rammstein. Aber das ist eine andere Geschichte. Jedenfalls wurden Blackmail gedropped. Folglich kehrten sie zu ihren Indie-Wurzeln zurück und wechselten zu City Slang. Für die Aufnahmen zum neuen Album zog man sich dann nach Galizien zurück und versuchte es gleich auch noch mit einem neuen Produzenten, dem Berliner Andi Jung.

Schon nach den ersten eineinhalb Minuten von "Aerial View" ist klar: Dieses Album hat etwas. Genauso lange dauert nämlich das erste Stück "Electricido", nicht mehr als ein kurzer, verstörender Opener, nicht weniger als das Intro zu einem wahren Reigen euphorischer Rockmusik. Genau jene, die man unbedingt auf voller Lautstärke hören sollte. Als Neueinsteiger in Sachen Blackmail wirkt das auf mich folgendermaßen: Alternative-Rock mit einer gehörigen Portion Melancholie. Irgendwo zwischen den Smashing Pumpkins (die Gitarren), Placebo (die Stimme) und - ich meine das jetzt alles andere als abwertend - Babylon Zoo (die Melodien). Die Kompositionen von "Aerial View" mögen beim ersten Hören zwar nicht unbedingt innovativ erscheinen, die unüberhörbare Liebe zum Detail macht das anfängliche Manko jedoch problemlos weg. Schon lange nicht mehr in diesem Genre dermaßen ausgefeiltes Songmaterial zu Ohren bekommen. Inklusive einiger wirklich hübscher Soundexperimente: Die hymnischen Chorgesänge bei "Moonpigs", der extreme Break und das furiose Bläser-Finale bei "Couldn't Care Less", das Vocoder-Intermezzo bei "Splinter". Um nur einige kreative Schnipsel herauszuheben. Noch dazu hat man mit "Never Forever" [Videoclip] - gab es übrigens schon am "Kammerflimmern"-Soundtrack (2005) - einen pflegeleichten Indie-Hit am Start. Ich bin alles andere als ein Blackmail-Experte, aber diese Platte ist gut. Sehr gut sogar. Vergleiche zu alten Alben fallen mir schwer. Eben weil ich sie (noch) nicht kenne. Aber in den nächsten Tagen und Wochen wird das Feld von hinten aufgerollt. Hin und wieder muss man auch Fehler eingestehen.

Abschließend noch ein paar Tipps:
Erstens: Unbedingt die limitierte Erstauflage von "Aerial View" kaufen. Nicht nur wegen der Bonus-DVD mit dem 30-minütigen "Unterwegs mit Blackmail", sondern weil es nur dort auf CD die zusätzliche Nummer "Today" - bemerkenswerterweise als dritter Track - gibt. Zweitens: Wer es noch nicht getan hat, sollte sich von der offiziellen Seite die unveröffentlichten Songs, Outtakes, Coversongs, B-Seiten und Live-Tracks - bislang acht Nummern - downloaden. Ausnahmsweise mal ganz legal. Und drittens: Blackmail spielen am 17. März in der Szene Wien. Ich gehe mir morgen jedenfalls gleich mal Karten besorgen.

[Live: Szene, Wien - 17.03.2006]

Blackmail: Aerial ViewBlackmail
Aerial View
16.01.2006


[blackmail.de]