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Angekündigt als Solo-Performance von Nick Cave, spielte im Konzerthaus in Wien eine Band namens Grinderman statt eigener Songs Kompositionen eben jenes Singer/Songwriter-Genies.

"Der Meister düsterer Klänge" im Konzerthaus, jenen traditionellen Räumlichkeiten, die bereits vor 93 Jahren eröffnet wurden. Mit dem Ziel "eine Stätte zu sein für die Pflege edler Musik, ein Sammelpunkt künstlerischer Bestrebungen, ein Haus für die Musik und ein Haus für Wien". Ein Veranstaltungsort vorwiegend für Konzerte aus der Sparte "E-Musik", trotzdem - oder vielleicht gerade deshalb - der perfekte Ort für einen Auftritt von Nick Cave. Erst recht, berücksichtigt man dessen Außergewöhnlichkeit. Cave begibt sich nämlich nur selten auf Konzertreisen, ohne seine alteingesessene Begleitband dabei zu haben. Nein, The Bad Seeds waren bei dieser zwischendurch eingeschobenen Tournee nicht anwesend. Obwohl man das so auch wieder nicht stehen lassen kann. Denn drei der Herren begleiteten Cave auch diesmal: Warren Ellis (Violine, Mandoline), Martyn P. Casey (Bass) und Jim Sclavunos (Drums). Jene Musiker, mit denen er vor kurzem eine neue Band ins Leben gerufen hat: Grinderman. Deren bislang einziger an die Öffentlichkeit gedrungener Song erst wenige Tage vor dem Wien-Gastspiel an dieser Stelle zum Hören angeboten wurde. Und auch für einige Begeisterung sorgte. "It's noisy, funny, raw, and totally cathartic." The Birthday Party lässt grüßen.

Nick CaveMan durfte an diesem Abend im Konzerthaus also mit etwas Besonderem rechnen. Vielleicht sogar mit einigen neuen Grinderman-Nummer. Wobei Ersteres streckenweise erfüllt wurde, Zweiteres hingegen nicht. Schade, doch aber verständlich. Man will die Sache spannend halten. Würde man der angetretenen Hardcore-Fangemeinde - Neueinsteiger werden wohl kaum die horrenden Ticketpreise bezahlt haben - jetzt schon das halbe Album (VÖ: März 2007) vorspielen, es wäre in Zeiten wie diesen eher heute als morgen im Internet zu finden. Soetwas gefällt dir und mir. Mit Sicherheit aber nicht den Musikern. Und so musste man sich mit Bekanntem begnügen. Mal herkömmlicher, mal etwas abgefahrener zum Besten gegeben. Wobei letzteres natürlich um einiges interessanter zu beobachten war. Cave als "Piano Man" kennt man ohnehin. Cave als Gitarrist war mir hingegen neu. Nicht, dass er es besonders virtuos hinbekommen hätte. Im Gegenteil. Vielmehr misshandelte er sein Instrument. Da heulte und quietschte es. Lärmmachen war sein Ziel. Was an die Gitarrenarbeit seines ehemaligen Mitstreiters Blixa Bargeld erinnerte. Dessen Ausstieg bei den Fans inzwischen verkraftet zu sein scheint. Keine "Blixa"-Zwischenrufe mehr. Auch nicht bei "The Weeping Song", den Cave - dieser Tage mit Bart - inzwischen als Nicht-Duett singt. Ein Höhepunkt des gut 20 Stücke umfassenden und mehr als zweistündigen Sets. Ebenso wie "The Ship Song", "The Mercy Seat" oder "Henry Lee". Der Grund dafür lag in den teils brachial lärmenden Neuinterpretation dieser Klassiker. Nix da altbacken. Vielmehr "foul-mouthed and noisy". Scharfe Töne, irgendwo zwischen Blues und Punk, die den Nummern frisches Leben einhauchten. Da offenbarte sich das Potential des Vierers. Da konnte man erahnen, was einen bei Grinderman erwarten wird.

Nein, es sollte nicht das Über-Drüber-Konzert werden, welches ich mir erhofft hatte. Wenigstens war es der beste Nick Cave-Gig, den ich bislang beiwohnen durfte. Was vor allem auf die Location zurückzuführen ist. Man vergleiche nur Kurhalle Oberlaa und Stadthalle mit dem schmucken Konzerthaus. Nicht nur, dass ich fauler Sack wieder mal bei einem Konzert - wenn auch nicht sonderlich gemütlich - sitzen durfte, war das Ambiente doch wirklich sehenswert. All der Glitzer und Glamour. Und erst der Sound. Erste Klasse. Wobei man sich dieses Klangerlebnis in solch einem Rahmen schon erwarten durfte. Alles andere wäre enttäuschend gewesen. Trotzdem fehlte mir an diesem Abend der letzte Funke, der das Gesehene und Gehörte wirklich hervorheben hätte können. Trotz hervorragend eingespielter Band und einem sichtlich gut gelaunten Frontmann, der sich sogar zum Pläuschchen mit dem Publikum hinreißen ließ und Wünsche auf Zuruf erfüllte. Jedenfalls blieben die Begeisterungsstürme meinerseits doch eher selten. Nichtsdestotrotz: Nick Cave im Konzerthaus, das kommt vielleicht nie wieder. Da muss man dabeigewesen sein.

Nick Cave
13.11.2006 - Wien, Konzerthaus.


[nickcaveandthebadseeds.com] [myspace.com/nickcaveandthebadseeds]