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Viennale 2006, die Dritte: "Half Nelson" erzählt von einem, der außer Tritt geraten ist. Mit dem überragenden Ryan Gosling in der Hauptrolle. Auch nicht unwichtig: Music by Broken Social Scene.

Als "Half Nelson" bezeichnet man eine Kampftechnik beim Wrestling. Es handelt sich dabei um einen Haltegriff, mit welchem der Angreifer seinem Gegner zur Aufgabe zwingt. End of Fight. Der High-School-Lehrer Danny Dunne hat seinen Kampf bereits hinter sich gebracht. Nämlich jenen gegen die Drogensucht. In diesem Fall endete das ungleiche Aufeinandertreffen mit Selbstaufgabe. Der Grund: Von der Freundin verlassen. Was Dunne dazu brachte, sich damit abzufinden, dass Crack sein Leben bestimmt. Mehr noch als der tägliche Gang zum Unterricht. Das Bemerkenswerte an Letzterem: Der Geschichtslehrer hat sich wenigstens noch soweit in Griff, dass er unvermindert versucht seinen Schülern kritisches Denken zu vermitteln. Was ihm mit seiner lockeren Vorgehensweise fern herkömmlicher Unterrichtsformen auch gut gelingt. Seine durchgehend farbigen Schützlinge mögen ihn. Von seinem Zweitleben als Kiffer weiß niemand. Doch was tun, wenn die Drogen Überhand gewinnen, das Opfer immer mehr die Kontrolle über sein Dasein verliert? Es kommt, was kommen muss: Dunne wird eines Tages vollkommen zugedröhnt auf der Schultoilette aufgefunden. Von Drey, einer seiner Schülerinnen. Eine Begegnung, die normalerweise das Ende von Dunnes Berufstätigkeit bedeutet. Stattdessen ist es aber der Beginn einer ganz besondere Beziehung. Einer Freundschaft, die zwar verhalten und voller Misstrauen beginnt, schlussendlich aber beider Schicksale nachhaltig beeinflusst.

"Half Nelson": Shareeka Epps - Ryan GoslingZugegeben: Die Geschichte vom weißen Lehrer, der in den Drogensumpf abgleitet, und der schwarzen Schülerin, die als Einzige sein Geheimnis kennt, gleichzeitig aber selbst an der Kippe zur Dealerin steht, kann man durchaus kritisch sehen. Schon wieder so eine humanistische Schwarz-Weiß-Kiste. Noch dazu mit der üblichen herzerwärmenden Annäherungen zwischen Lehrer und Schülerin. Soetwas geht normalerweise nach hinten los. Tut es in diesem Fall aber nicht. Nun gut, der Inhalt mag herkömmlich und unspektakulär wirken. Der Film selbst ist es jedoch bei weitem nicht. Regisseur Ryan Fleck gelingt mit "Half Nelson" ein überzeugendes Kino-Debut, einerseits dramatisch, andererseits aber auch humorvoll. Eine Mischung, die nur mit viel Einfühlungsvermögen gelingen kann. Eben genauso wie bei "Half Nelson".

Doch was wäre "Half Nelson" ohne seine(n) Hauptdarsteller? Erwähnenswert die Newcomerin Shareeka Epps, die als nachdenkliche Schülerin eine Talentprobe ablegt. Star des Films ist jedoch eindeutig Ryan Gosling. Sein drogensüchtiger Lehrer trägt den Streifen. Er schafft es, dass man mitleidet, an seinem Verhalten verzweifelt. Er ist es aber auch, der den Zuschauer zum Schmunzeln bringt. Ein Junkie als Sympathieträger? Gosling macht's möglich. Ganz große Performance. Da gibt es nichts - aber auch rein gar nichts - auszusetzen. Ebenso wie bei der musikalischen Untermalung, zum Besten gegeben von Broken Social Scene. Allein wegen Gosling und dem Soundtrack kann man sich in "Half Nelson" eigentlich nur verlieben. Endlich mal wieder Indie-Kino aus Übersee, wie man es sich vorstellt: kritisch, politisch (man beachte die von den farbigen Schülern vorgetragenen historischen Exkursionen), dabei aber doch vorwiegend liebenswert und unterhaltsam. In diesem Fall sogar mit abschließendem Witz: "Knock, knock. - Who is there? - The interrupting cow. - What is the...? - Muuuh."

Half NelsonHalf Nelson
Regie: Ryan Fleck.
Mit Ryan Gosling, Shareeka Epps, Anthony Mackie.
Viennale 2006 (OF)


[halfnelsonthefilm.com]

[Update (10): Filme der Viennale 2006]
[Update (11): Resümee zur Viennale 2006]
[Viennale 2006, die Erste: "Little Miss Sunshine"]
[Viennale 2006, die Zweite: "The Host" a.k.a. "Gue Mool"]

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