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Scott WalkerDie Wiederkunft des Scott Walker. Grund genug um die drei monumentalen Spätwerke von "the world's most elegant hermit" Revue passieren zu lassen. Der etwas andere Hörgenuss.

Scott Walker. Der kultisch Verehrte. Eine lebende Legende. In den Sechzigern Frontmann der Walker Brothers ("The brothers that never were"). Oppulente Pop-Balladen wie "The Sun Ain't Gonna Shine Anymore". Danach die legendären Soloalben "Scott 1" bis "Scott 4". Der Mann mit der Sonnebrille, der uns mit voluminösem Bariton Jacques Brel näher brachte. In den Achtzigern dann die Neuerfindung. Aus dem blonden Beau wurde ein Mysterium. Bezeichnend dafür drei Alben.

Climate Of Hunter (1984)
Sein erstes Soloalbum nach der zweiten Epoche der Walker Brothers. Gerade mal knapp 31 Minuten lang. Acht Songs, wobei die Hälfte nicht mal Titel haben. Merkwürdig. Das dachten sich wohl auch all jene, die sich die kunstvoll überladene Atmosphäre seiner frühen Soloalben erwarteten. Denn stattdessen bekamen sie vergleichsweise fast schon Minimalismus geboten. Alles beginnt mit einer Kuhglocke. Es folgen monotone Basslinien, künstlich wirkende Beats, grelle Keyboards und natürlich Walkers düsteres Organ. Der rätselhafte Sound erinnert ein wenig an die Berlin-Phase von Bowie/Eno Ende der Siebziger. Nur noch gewagter. Zu dieser Zeit zweifelsohne eine ungewöhnliche Platte. Für Walker war es ein Befreiungsschlag. Wenn ein für die Meisten auch skurriler. Zugegeben: Nie klang Billy Ocean, der als Gastmusiker auf einem Song Background-Vocals sang, seltsamer. Von den Kritikern wurde "Climate Of Hunter" hochgelobt. Kommerziell wurde das Album ein Riesenflop. Es erlangte sogar den zweifelhaften Ruhm des schlechtestverkauften Longplayers in der Geschichte von Virgin. Die Idee war gut, doch die Welt noch nicht bereit.

Tilt (1995)
Elf Jahre danach jenes Album, das seine Hörerschaft endgültig spalten sollte. Für die Einen (unter ihnen David Bowie) das "beste Album aller Zeiten". Für die Anderen selbstverliebte Kunstkacke. Was "Tilt" mit Sicherheit ist: Ein Album, das sich jeglicher Kategorisierung entzieht. Inspiriert vom Industrial der vergangenen Jahre. Walker selbst nannte "The Downward Spiral" von Nine Inch Nails. Was vor allem hinsichtlich der Grundstimmung des Albums zuftrifft: Beklemmend, klaustrophobisch. Ein düsteres Meisterwerk, das betäubt, bevor es süchtig macht. Klangcollagen wechseln sich mit Arien ab. Durchgängige Melodien sind Mangelware. Knapp eine Stunde lang regiert Zerstörung. Allerdings eine, die auch zu betören im Stande ist. Denn auf Momente, die verwirren, folgen immer wieder Momente, die berühren. Vor allem dann, wenn Walkers Stimme in den Vordergrund rückt. "Tilt" steht zweifelsohne für Avantgarde. Irgendwo zwischen Genie und Wahnsinn. Heute nicht mehr ganz so krass wie damals. Trotzdem eines der zehn merkwürdigsten Alben, denen ich jemals verfallen bin.

The Drift (2006)
Im Mai dieses Jahres endlich die Fortführung der Radikalität. Wer "Tilt" anfangs noch für zu düster und zu schräg hielt, dann aber doch irgendwann zu dessen - zugegeben: etwas obskurer - Schönheit durchdringen konnte, der wird bei "The Drift" die Ohren anlegen. Unhörbar? Nicht doch. Vielmehr ein durch und durch avantgardistisches Großereignis mit "big blocks of sound". Diesmal sogar über die Spieldauer von fast 70 Minuten. Soetwas kann den ein oder anderen Musikkritiker schon etwas ratlos zurücklassen. Einige Medien gingen sogar soweit, eine Bewertung dieses Albums einfach wegzulassen. Vielleicht weil man sich überfordert sah, einfach nicht dazu im Stande war. Vielleicht aber auch, weil "The Drift" nach wenigen Durchläufen unmöglich zu ergreifen ist. Wenn man es tatsächlich schaffen sollte, zu den Geheimnissen dieser Platte durchzudringen, dann bestenfalls nach Wochen, wenn nicht Monaten. Und wer für "The Drift" eine Schublade sucht, sollte es besser sein lassen. Man würde ohnehin kläglich scheitern. Mein persönliches Fazit: Nun ja, ich arbeite noch daran. Und das nach mehr als drei Monaten. Wahrscheinlich der schwerste Brocken in meiner Plattensammlung. Ein wahrlich unglaubliches Album.

Man beachte die Erscheinungsdaten: 1984 - 1995 - 2006. Der Mann hat einen Plan. Welchen, erfährt man vielleicht 2017. Wobei Scott Walker dann allerdings bereits 74 Jahre alt wäre. Wie auch immer. Viel früher - angeblich noch in diesem Jahr - soll es bereits den von David Bowie co-produzierten Film "30 Century Man" zu bestaunen geben. Der New Yorker Regisseur Stephen Kijak durfte dafür sogar einen Teil der Aufnahme-Sessions zu "The Drift" mit der Kamera begleiten. Herausgekommen ist eine Doku über das Schaffen und Wirken von Scott Walker. Wo auch nahmhafte Künstler wie Jarvis Cocker, Brian Eno, Damon Albarn, Neil Hannon, Marc Almond, Alison Goldfrapp, Sting und natürlich Bowie zu Wort kommen. Ebenso wie Walker selbst. Wer nicht mehr solange warten kann, dem sei dieses zehnminütige Special/Interview empfohlen. Unglaublich aber wahr: Der Meister spricht.

Scott Walker: Climate Of HunterScott Walker: TiltScott Walker: The DriftScott Walker
The Drift
08.05.2006


[4ad.com/scottwalker]


[Review: Scott Walker: 30 Century Man - Regie: Stephen Kijak]