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Wer bei "Requiem" auf Exorzismen wartet, wird enttäuscht. Dieser Film zeigt vielmehr die Geschichte, die dazu führte. Was nicht weniger beängstigend ist. Im Gegenteil.

1976 sorgte ein Fall von Teufelsaustreibung für Aufsehen. Geschehen mitten in Deutschland. Genauer in Klingenberg am Main. Das Opfer war die epilepsiekranke Anneliese Michel, eine zutiefst katholische Studentin, die ihre Krankheit als teuflische Besessenheit deutete. Über die Dauer von fast einem Jahr wurde sie von zwei Priestern exoziert. Mit Genehmigung des Würzburger Bischofs. Nach mehreren Dutzend Exorzismen starb die junge Frau im Alter von 23 Jahren infolge von Unterernährung und Entkräftung. Sie verhungerte in dem Wahn, der Teufel verbiete ihr zu essen. Der Fall machte weltweit Schlagzeilen, als im deutschen Fernsehen Originalbänder der Teufelsaustreibungen ausgestrahlt wurden. Dazu Fotos der Betroffenen knapp vor ihrem Tod. Ton- und Bilddokumente, wo es selbst dem härtesten Horror-Freak den Schauer über den Rücken jagt. [more]

Sandra Hüller in "Requiem"Erst letztes Jahr wurde die inzwischen fast 30 Jahre alte Geschichte von Anneliese Michel in dem Hollywood-Streifen "The Exorcism Of Emily Rose" verarbeitet. Natürlich im typisch amerikanischen Stil. Als Genre-Streifen in bester "The Exorcist"-Manier. Mit "Requiem" liegt nun soetwas wie die Antithese dazu vor. Trotz vergleichbaren Inhaltes ist der Film des deutschen Regisseurs Hans-Christian Schmid weit entfernt vom herkömmlichen Exorzismus-Klimbim. "Requiem" kommt vielmehr einem Familiendrama gleich. Eine junge Frau - in diesem Fall Michaela - versucht sich vom streng katholischen Elternhaus zu lösen. Vor allem von ihrer Mutter, die sie aufgrund ihrer Epilepsie nur ungern ziehen lässt. Trotzdem wagt Michaela den Schritt von der Provinz in die Großstadt und beginnt ein Studium. Es folgen Partys und der erste Freund. Alles läuft wunderbar. Und so erzählt "Requiem" eine ganze Zeit lang die typische "Coming Of Age"-Story. Bis zu dem Zeitpunkt, wo Michaela von ihrer Krankheit wieder eingeholt wird. Die Anfälle verdichten sich. Was die Betroffene auf den Einfluss von bösen Mächten zurückführt. Dämonen seien es, die sie am Beten hindern wollen. Ihre Verzweiflung bringt sie soweit, dass sie sich an die heimischen Dorfpfarrer als letzten Strohhalm klammert. Die tragischen Folgen sind bekannt.

"Dieser Film beruht auf einer wahren Begebenheit. Trotzdem sind alle handelnden Personen absolut frei erfunden." Der Kommentar zu Beginn von "Requiem" ist eigentlich ein Widerspruch in sich. Zumindestens wenn man den Film als so eine Art Quasi-Doku hernimmt. Gleichzeitig räumt sich der Filmemacher dadurch aber auch wesentlich mehr Freiraum für Interpretationen ein. Soetwas kann verwirren. Vor allem dann, wenn der ein oder andere Kinobesucher von dem Gezeigten doch etwas anderes erwartet hatte. Enttäuschungen sind bei "Requiem" vorprogrammiert. Vor allem hinsichtlich einem - durchaus gewichtigen - Eckpfeiler der vorgegebenen Rahmenhandlung. Dieser Film endet nämlich genau dort, wo man vermuten würde, dass es erst so richtig losgeht: Bei den Exorzismen. Der weitere Verlauf der Geschichte wird nur im Abspann erwähnt. Ausgesprochen mutig, wie ich meine. Und durchaus zu befürworten. Zugegeben: Auch ich bin Fan des Horror-Genres und konsumiere Filme mit vergleichbaren Inhalten vor allem um meine voyeuristische Ader zu befriedigen. Doch bei "Requiem" macht das abrupte Ende zweifelsohne Sinn. Denn die Darstellung der Teufelsaustreibung hätte schlussendlich doch kaum etwas zum Verständnis der inneren Zerrissenheit der Protagonistin beigetragen. Und den Streifen selbst wohl auch in ein komplett anderes Licht gerückt. Fälschlicherweise. Da ist mir dieser alles andere als leicht verdauliche Kinoabend doch wesentlich lieber gewesen. Wo alles im Dunkeln bleibt und der Zuschauer bewusst im Unklaren zurück gelassen wird. Ein Film, der einem wahrlich den Boden unter den Füßen wegzieht. Auch wegen des sensationellen Schauspiels von Hauptdarstellerin Sandra Hüller. Gänsehaut pur. Wer braucht da noch irgendwelche Effekthascherei?

RequiemRequiem
Regie: Hans-Christian Schmid.
Mit Sandra Hüller, Burghart Klaussner, Imogen Kogge.
21.04.2006


[requiem-der-film.de]