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Einmal München und retour. Für zwei Konzerte: Editors und Arctic Monkeys. Dazu die Erkenntnis, dass es in Deutschland noch beschissenere Veranstaltungsorte als bei uns gibt.

Das Atomic Cafe in München ist ein kleines, süßes Etablissement. Man nehme ein Mittelding aus Szene Wien und Chelsea und hat in etwa einen Eindruck von dessen Größenordnung. Nicht weiter schlimm, gäbe es da nicht das Problem, dass das Atomic Cafe auch für Rockkonzerte genutzt wird. Noch dazu jene, die schon Wochen davor restlos ausverkauft sind. Und wenn neben all jenen, die ein Ticket gekauft haben, zusätzlich auch noch jede Menge "wichtige" Leute dem heißersehnten Gig beiwohnen dürfen, dann kann es in den bescheidenen Räumlichkeiten schon mal zu akuter Platznot kommen. Als Draufgabe ein paar in die Jahre gekommene Rowdies, die es noch mal wissen wollen. Nach dem Motto: "Oldies im Pogo-Rausch". Und ich mitten drinnen, im wilden Herumgeschubse. Unfreiwillig. Noch dazu kein Ausweg in Sicht. Da bleibt einem nur die Hoffnung auf ruhiges Liedgut.

Wenn man zweimal hintereinander ein und dieselbe Lokalität besucht, dann könnte man meinen, aus den Fehlern des Vortages gelernt zu haben. Von wegen schlechter Postion und dass man sich vom Zentrum des Geschehens fernhält und eher am Rand platziert. Mehr als Betrachter, weniger als Spielball des wüsten Treibens. Nix da. Der Kampf wurde fortgesetzt. Wer konnte auch wissen, dass es diesmal noch wilder zugehen würde. So stand ich also ganz hinten im Saal, an die Wand gequetscht - direkt bei der Durchzugsschleuse aller Wanderlustigen - und fragte mich, wo all die Menschen denn ständig hinwollen? Hatte das alles mit einer mir bislang unbekannten Leidenschaft deutscher Konzertbesucher zu tun? Oder lag es an all den Briten, die sich aufgrund der beiden Gastspiele ihrer Landsleute in einer beachtlichen Menge hier einfanden? Des Rätsels Lösung blieb mir jedenfalls verwehrt. Wie auch immer. Wenigstens gab es an den Konzerten selbst nichts auszusetzen. Aber auch schon rein gar nichts.

Out Of The Back Room.

EditorsEigentlich hätten die Editors am 4. November im Wiener Flex auftreten sollen. Alles war schon fix gebucht. Dann kam die Frankreich-Tournee von Franz Ferdinand dazwischen. Und da machten die Editors den Support. Was zur Folge hatte, dass man bis auf den Köln-Gig sämtliche Deutschland-Termine nach hinten verschob. Wien wurde - aus welchen Gründen auch immer - ersatzlos gestrichen. Dass ich die vier Jungs aus Birmingham nun doch zu Augen bekam, lag an dem günstigen Termin ihres München-Auftritts. Und der Tatsache, dass ich jene Band, die genau einen Tag danach in derselben Stadt gastierte, unter allen Umständen miterleben musste.

Mit "The Back Room" legten die Editors dieses Jahr ein äußerst gelungenes Debut vor. Ein Album, das ihnen auch viele positive Kritiken einbrachte. Die Folge: Allerorts ausverkaufte Clubs. Schon beim ersten Song des Abends wurde einem klar, dass es sich dabei um keine leeren Versprechungen handelte. Ohne groß zu zögern, schmetterte man seinen düsteren Gitarrenrock in die Menge. Das wirkte sehr emotionell, aber auch sehr abgebrüht. Diese Band kann etwas. Den Hype um sie kann man so stehen lassen. Songmäßig wurde "The Back Room" fast vollständig abgedeckt. Inklusive ein, zwei B-Seiten. "Munich" durfte an diesem Abend natürlich auch nicht fehlen. Wobei gerade bei diesem Song Sänger Tom Smith in Sachen Körpereinsatz noch einen draufzusetzen wusste. Die Begeisterung im Publikum war dementsprechend. Auch wenn nach elf Songs und 50 Minuten schon Schluss war.

Monkey Business.

Laut NME sind sie "The Best Band Since The Libertines". Und überhaupt "Britain's Hottest New Band". Nichts Neues für die Fangemeinde. Denn im Falle der Arctic Monkeys hinkt der altehrwürdige NME mit all seinen selbstausgerufenen Trends und Hypes hinterher. File-Sharing macht's möglich. Bereits vor Monaten wurden nämlich bei den ersten Konzerten der Arctic Monkeys von der Band selbst diverse Demos verteilt, die sich im Laufe der Zeit mehr und mehr im Internet ausbreiteten. Die Musikbranche wurde schlichtweg überrumpelt. Und so kam es dazu, dass der Vierer aus Sheffield ohne auch nur eine Platte veröffentlicht zu haben, in prall gefüllten 2000er-Hallen auftrat.

Arctic MonkeysInzwischen haben die Arctic Monkeys einen Plattenvertrag unterzeichnet. Bei Domino Records, angesagtes Indie-Label und Heimat von Franz Ferdinand. Nach dem selbstfinanzierten Promo "Five Minutes With Arctic Monkeys" erschien vor kurzem nun ihre erste Single "I Bet You Look Good On The Dancefloor". Man durfte sich einiges erwarten, dass die vier 19-jährigen Jungspunde allerdings gleich von 0 auf 1 in den UK-Charts gehen würden, übertraf dann aber doch so manch vage Erwartung. Anfang 2006 soll es jedenfalls das Debutalbum geben. Nur soviel: Wenn das gute Stück auch nur annähernd an die Demos heranreicht, dann erwartet uns Großes.

Der Ruf der Arctic Monkeys hat sich inzwischen auch außerhalb der britischen Insel vorgearbeitet. Der Besucheranteil von Engländern war bei ihrem München-Gastspiel trotzdem bemerkenswert. Alle kannten sie die Texte. So manch einer schimpfte über das Publikum. Der eine oder andere wiederum unterschätzte die deutschen Spirituosen und kippte einfach weg. Letzterer versäumte ein wahrhaftig mitreißendes Konzert. Es ist dieser unwiderstehliche Groove, der die Songs der Arctic Monkeys ausmacht. Dazu der Gesang von Frontmann Alex Turner, den man mit Mike Skinner vergleichen könnte, wenn dieser denn überhaupt singen würde. Nicht zu vergessen das optische Erscheinungsbild dieser Band: Vier Jungs, bei denen man sich fragt, ob sie denn überhaupt schon Bier trinken dürfen, rocken wie Sau. Da brennt sich einem der Dauergrinser ins Gesicht. Vor lauter Begeisterung. Nach knapp einer Dreiviertelstunde war der Zauber dann auch schon vorbei. Keine Zugaben. Kein unnötiges Hinauszögern. Was kann man da noch hinzufügen? Außer vielleicht: Ich war dabei.

Editors
11.11.2005 - München, Atomic Cafe.

[editorsofficial.com]

Arctic Monkeys
12.11.2005 - München, Atomic Cafe.

[arcticmonkeys.com]

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