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25 Jahre Depeche Mode. Und dann solch ein Album. "Playing The Angel" ist düster und fesselnd, elektronisch und tanzbar. Soetwas lässt die Herzen der Fans höher schlagen.

Andrew Fletcher - Martin Gore - Dave GahanBei einem neuen Album von Depeche Mode objektiv zu bleiben, fällt mir schwer. Zu sehr bin ich Fan, als dass ich nach vier Jahren meine Freude unterdrücken könnte. Obwohl ich doch jedes Mal mit einer Enttäuschung rechne. Der ersten in der langen Karriere von Dave Gahan, Martin Gore und Andrew Fletcher. Zumindestens was meine Person betrifft. Für die ersten drei Alben war ich bei deren Veröffentlichung noch zu jung. "Some Great Reward" (1984) erschien dann genau in jener Zeit, als ich mich für Musik zu interessieren begann. Vorrangig jene aus der Hitparade. Wobei das alles damals bei weitem nicht so schlimm war wie heute. Jedenfalls gab es zu dieser Zeit an den Hit-Singles "People Are People" und "Master And Servant" kein Vorbeikommen. Es folgten mit "Black Celebration" (1986) und "Music For The Masses" (1987) die wahren Kultalben und meine Liebe zu Depeche Mode schoss ins Unermessliche.

Das sollte sich auch bei "Violator" (1990) und "Songs Of Faith And Devotion" (1993) nicht ändern. Die Band war an ihrem kommerziellen Zenit angekommen. Im Nachhinein betrachtet, war es auch für mich jene Zeit, die ich in Sachen Depeche Mode am intensivsten miterlebt habe. Vielleicht weil die Band damals - vor allem bei "Songs Of Faith And Devotion" - rockigere Klänge anschlug und damit vollauf meiner musikalischen Neigung entsprach. Mehr als nur passend auch der Look und die hemmungslose Selbstzerstörung von Frontmann Gahan. Exzessiver Drogenkonsum, Rock N' Roll-Lifestyle und Selbstmordversuch: Depeche Mode schienen am Ende. Und kamen doch wieder zurück. Nicht unbedingt besser als zuvor. Auch wenn man als Fan jedes Mal auf's Neue den Eindruck hatte. "Ultra" (1997) und "Exciter" (2001) sind gute Alben, reihen sich im Gesamtwerk von Depeche Mode aber eindeutig in der zweiten Hälfte ein. Aber auf solche Erkenntnisse stößt man bestenfalls Jahre danach. Selten nur nach den ersten paar Durchläufen eines neuen Albums. Deshalb auch die Bedenken in den einleitenden Worten.

Pain And Suffering In Various Tempos.

Vor den Aufnahmen zum neuen Album stand der Fortbestand von Depeche Mode wieder mal an der Kippe. Man hat sich bereits daran gewöhnt. Nur diesmal war die Problematik eine vollkommen Neue. Wie würde Martin Gore, bislang Alleinverantwortlicher in Sachen Songwriting, auf die Forderung von Dave Gahan nach mehr kreativem Input reagieren? Letzterer hatte nach seinem erfolgreichen Solotrip "Paper Monsters" Lunte gerochen und wollte fortan auch bei Depeche Mode eigenes Songmaterial miteinbringen. Jedenfalls zeigte sich Gore gesprächsbereit. Erst recht, als er beim ersten Treffen der Band zur neuen Platte im Vergleich zum übermotivierten Gahan gerade mal eine Handvoll neue Stücke vorweisen konnte. Das damalige Verhältnis: 5:16. Oder 4:12. Wie auch immer. Jedenfalls eindeutig zu Gunsten des Songwriter-Neulings. Martin Gore musste also ordentlich Gas geben. Und tat dies auch. Dass das endgültige Songverhältnis auf "Playing The Angel" 9:3 für Gore ist, stört Gahan nicht. Warum auch? Seine ersten drei Eigenkompositionen sind auf einem Depeche Mode-Album verewigt und gleichzeitig blieb ihm genug Material übrig um in absehbarer Zukunft sein zweites Solowerk in Angriff zu nehmen.

Depeche ModeOhne zu wissen, welche der vorliegenden zwölf Nummern denn nun von Gahan sind, machte ich mich an die ersten Durchläufe von "Playing The Angel". Zugegeben: Dass die retrobehaftete Vorab-Single "Precious" mit der unverkennbaren Referenz in Richtung "Enjoy The Silence" aus der Feder von Martin Gore stammt, war mir bekannt. Abseits dieser klassischen Synthie-Pop-Nummer mit Hitgarantie ging ich jedoch ohne Vorwarnung an die Sache heran. Zuerst der Schock: Man legt die Ohren an. Zumindestens für ein paar Sekunden. Das wüste Intro erinnert an "I Feel You". Danach schraubt sich der Lärmpegal eindeutig zurück. Monotoner Rhythmus setzt ein. Schön düster, das alles. Doch leider plätschert mir "A Pain That I'm Used To" dann doch zu sehr vor sich hin. Depeche Mode scheinen sich anfangs noch ein wenig zurückhalten zu wollen. Das Beste nicht gleich zu Beginn verpulvern. Dieses Stück kann jedenfalls unmöglich ein Höhepunkt von "Playing The Angel" sein. Außer das gute Stück ist der totale Reinfall. Doch keine Sorge, schon bei den darauffolgenden Songs handelt es sich um Highlights, wie man sie sich nur wünschen kann. Beispielsweise "John The Revelator", die ultimative Mitgröl-Nummer des Albums. Achtziger-Elektro-Sound zum Ausflippen. Da wird bei den anstehenden Live-Gigs die Post abgehen. Ich sehe schon Mister Gahan zu diesem Song auf der Bühne: Ekstase pur. In eine ähnliche Richtung geht mein persönlicher Favorit von "Playing The Angel": "Lilian" ist tanzbar und wunderbar anrüchig zugleich. Letzteres nicht nur wegen der Vocals von Gahan. Man beachte nur mal die Hintergrund-Seufzer von Herrn Gore.

Über die von Martin Gore selbst interpretierten Songs kann man geteilter Meinung sein. Aber so war es schon bei jedem Depeche Mode-Album. Jedenfalls scheint das musikalische Multitalent genau bei diesen Stücken seiner künstlerischen Ader freien Lauf zu lassen. Dementsprechend verstörend mögen "Macro" und "Damaged People" auch wirken. Schwer zu durchdringende Dissonanzen, die einzig im Konzept eines Gesamtwerkes zur Entfaltung kommen. Äußerst gewöhnungsbedürftig. Ganz im Gegenteil zu zwei Stücken im Zentrum von "Playing The Angel". Zuerst mit "I Want It All" eine ruhige Ballade, wunderbar verträumt. Wie gemacht, dass man sich in ihr verliert. Danach minimale Mid-Tempo-Elektonik mit verzerrter Stimme. "Nothing's Impossible" ist depressiv und hoffnungsvoll zugleich. Gothic in Reinkultur. Und siehe da: Beide Songs listen bei den Songwriter-Credits den Namen Dave Gahan auf. Man kann eigentlich nur positiv überrascht sein. Auch von seiner dritten Komposition, dem eingängigen "Suffer Well". Allesamt sehr gute Songs. Wobei die Konkurrenz auch Martin Gore merklich gut getan hat. Experiment gelungen.

Heroes Of Their Degeneration.

Ich höre dieses Album nun schon seit zwei Wochen. Fast durchgehend. Und ich bin mehr als nur positiv überrascht. Sogar restlos begeistert. "Playing The Angel" ist eine verdammt gute Platte geworden. Der Sound präsentiert sich einerseits durch und durch Retro. Die Synthies stehen wieder im Vordergrund. Andererseits ist "Playing The Angel" aber auch gespickt mit zeitgenössischen elektronischen Spielereien. Wie ein Update von "Black Celebration". Das Songwriting hingegen erinnert mich eher an die beklemmende Atmosphäre von "Songs Of Faith And Devotion". Dunkel. Mystisch. Bedrohlich. Und Dave Gahan singt wieder mal wie ein Gott. Fazit: "Playing The Angel" ist das faszinierendste Depeche Mode-Album seit langem. Einen genaueren zeitlichen Bezugspunkt behalte ich mir vor. Wenn ich übertrieben habe, dann möge man mir meine Begeisterung verzeihen. Wie bereits erwähnt: Ich bin Fan. Nach solch einem Album umso mehr.

[Live: Stadthalle, Wien - 16.02.2006]

Depeche Mode: Playing The AngelDepeche Mode
Playing The Angel
17.10.2005


[depechemode.com]
[depechemode.de]
Erik Hauth (Gast) - 20. Dez, 20:54:
Depeche Mode Konzert Wien
anstatt Trackback: Ringfahndung.de linkt im Beitrag "Depeche Mode Konzert in Wien - Karten zu gewinnen" auf Deinen Artikel.
http://www.ringfahndung.de/archives/popblog/depeche_mode_ko.html 
wasix - 21. Dez, 22:23:
...
gut so. recht so. ist okay...