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Viennale 2007, die Fünfte: "Joshua" bietet feinsten Psycho-Horror guter, alter Schule. Einhergehend mit der Erkenntnis, dass nicht alle Kinder von Natur aus dazu bestimmt sind, geliebt zu werden.

Das Preview-Screening war bereits angekündigt. Für den zweiten Sonntag im September, um 13 Uhr in einem Wiener Innenstadtkino. Kurz davor die plötzliche Kehrtwende: Ein Filmtausch. Was mir in diesem Zusammenhang erstmals unterkam. Nicht der angekündigte Streifen, stattdessen ein Lückenbüßer mit durchaus großen Namen: Philip Seymour Hoffman und Laura Linney. Tragikkomödie statt Psychothriller. Wenn auch beiderseits Sundance-erprobt, so hätte ich auf Tamara Jenkins' "The Savages" nur allzu gerne verzichtet, wäre stattdessen das längst herbeigesehnte "Joshua", der Spielfilm-Erstling des Dokumentarfilmers George Ratliff mit Sam Rockwell und Vera Farmiga in den Hauptrollen, auf dem Programm gestanden. Eine Enttäuschung, die jedoch nicht ganz so ins Gewicht fallen sollte wie zuerst befürchtet, weil etwa ein Monat später der Grund für die Absage auf dem Tisch lag: Viennale 2007. Und genau dort - nicht wie ursprünglich sogar erhofft beim Ausflug zum Fantasy Filmfest in Stuttgart - sollte mir "Joshua" dann endlich zu Augen kommen.

Joshua: Sam Rockwell - Jacob Kogan - Vera Farmiga."In einer Nobelwohnung in der Upper East Side in New York feiert das Ehepaar Brad und Abby Cairn die Geburt ihrer Tochter Lily. Es ist ihr zweites Kind nach dem neunjährigen Joshua. Joshua ist jedoch kein gewöhnlicher Junge: Er ist überdurchschnittlich intelligent, frühreif und ein hochbegabter Klavier-spieler, der Bartok liebt und Sport hasst. Die Geburt seiner Schwester behagt ihm gar nicht, denn Lily beansprucht von nun an die volle Aufmerksamkeit der Eltern. Tagelang schreit sie sich die Seele aus dem Leib, was bei Abby eine postnatale Depression auslöst und Joshua noch sonderbarer werden lässt. Die Familie gerät langsam aus den Fugen [...] Die luxuriöse Wohnung wird zur feindlich gesinnten Höhle [...] In dieser ebenso nüchternen wie eleganten Umgebung blitzt plötzlich das Diabolische auf - ganz ohne die obligaten umgedrehten Kruzifixe oder die Fernseher, die sich nachts von allein einschalten. Stattdessen wird etwas spürbar, das unsichtbar präsent ist - etwa wenn sich Joshua der Wiege nähert, für die er eine krankhafte Faszination entwickelt hat." [viennale.at]

Ob "Joshua" - wie unlängst in einem Forum vernommen - "the most intelligent Horror Film since The Shining" ist, lasse ich mal dahingestellt. Eines ist sicher: Der Vergleich mit Roman Polanskis "Rosemarys Baby" hätte den Nagel eher auf den Kopf getroffen. Wegen Thematik, aber auch Ausführung. "Joshua" ist kein typisch moderner Horrorfilm, nicht schnell geschnitten, nicht auf billige Schockelemente aus. Offensichtlich standen für Regisseur George Ratliff die klassischen Genre-Werte im Vordergrund. Da ist zuallererst die klug durchdachte Geschichte. Hinzu kommt die düstere Atmosphäre, welche schon mal mit schwarzhumorigen Szenen aufgebrochen werden darf. Nicht zu vergessen der mit Fortdauer des Films zunehmend bedrohlichere Nervenkitzel. Ist jener außerordentlich höfliche Musterknabe tatsächlich ein unberechenbarer und abgrundtief böser Satansbraten, der seine kleine Schwester peinigt und den Rest der Familie in den Wahnsinn oder gar Tod treibt? Bleibt nur noch zu klären, wo die bloß immer diese Spooky Kids herbekommen? Echt schaurig, dieser Jacob Kogan bzw. dieses "Joshua".

JoshuaJoshua
Regie: George Ratliff.
Mit Sam Rockwell, Vera Farmiga, Jacob Kogan.
Viennale 2007 (OF)


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